Die Illusion der Mehrheit

TL;DR

Dieser Text analysiert kritisch das im muslimischen Diskurs verbreitete Argument der „Mehrheit“, das häufig genutzt wird, um abweichende Meinungen ohne inhaltliche Prüfung zu diskreditieren. Er legt dar, wie logische Fehlschlüsse und eine selektive Wahrnehmung der Geschichte dazu führen, dass eine Momentaufnahme des 19. Jahrhunderts als unveränderliche Tradition missverstanden wird. Zudem entkräftet der Artikel gängige Gegenargumente wie den theologischen Konsens oder die Angst vor Verwestlichung und zeigt auf, dass Rationalität tief in der muslimischen Geistesgeschichte verwurzelt ist. Abschließend wird dafür plädiert, die reale Vielfalt im Muslimentum anzuerkennen, statt eine imaginäre Einheit als Machtinstrument zu missbrauchen.

Warum wir offener miteinander diskutieren sollten

Wer sich heute im inner-muslimischen Gespräch zu Wort meldet und dabei Positionen vertritt, die von bekannten Erzählungen abweichen oder weniger "streng" auftreten, erlebt selten eine echte inhaltliche Diskussion. Statt die Stärke der Argumente zu prüfen, reagieren manche Kritiker:innen mit persönlichen Angriffen. Sie sprechen Menschen ihre Qualifikation ab oder stellen ihre Glaubwürdigkeit infrage.

Besonders auffällig ist der schnelle Verweis auf die „Mehrheit der Gelehrten“ und auf die muslimische Tradition. Dieser Hinweis wirkt auf den ersten Blick stark, zeigt aber eher ein anderes Problem: Er ersetzt das Argument durch die Berufung auf eine große Gruppe. Das ist ein logischer Fehler und beruht oft auf einer idealisierten Vorstellung der Geschichte, die einer genauen Prüfung kaum standhält.

So entsteht der Eindruck, dass es vielen Beteiligten weniger um die Suche nach Lösungen oder nach "Wahrheit" geht, sondern eher darum, einen bestimmten Zustand zu bewahren. Der Verweis auf eine angeblich geschlossene Mehrheit dient dann wie ein Schutzschild, um schwierigen Fragen auszuweichen. Dadurch wird jede Weiterentwicklung blockiert. Damit Gespräche wirklich konstruktiv werden, müssen wir diese Muster erkennen. Wir sollten verstehen, wie Autorität entsteht und warum die bloße Anzahl von Anhänger:innen kein gültiges Argument ist, wenn es um Sinn, Regeln, Plausibilität oder sogar um „Wahrheit“ geht.

Die logischen Fehlschlüsse

Die Argumentation des sogenannten Neotraditionalismus stützt sich maßgeblich auf drei klassische Denkfehler, die eine echte Debatte oft schon im Keim ersticken. Der erste und vielleicht hartnäckigste ist das Argumentum ad populum, die Berufung auf die quantitative Überlegenheit einer Meinung. Hierbei wird ein fundamentaler Kategorienfehler begangen: Nicht die Argumente, die eine Mehrheit vorbringt, werden auf ihre Stichhaltigkeit geprüft, sondern die bloße Existenz der Mehrheit wird selbst zum Beweis erhoben. Es wird postuliert, eine Aussage sei wahr, schlichtweg weil viele Menschen daran glauben. Dabei wird übersehen, dass Wahrheit oder Plausibilität keine demokratische Entscheidung ist, die durch Handzeichen ermittelt wird. Die Geschichte ist voll von Beispielen, in denen riesige Mehrheiten kollektiv irrten, bis ihre Konzepte widerlegt wurden. Wer sich auf die Mehrheit beruft, entzieht sich oft der intellektuellen Verantwortung, inhaltlich zu begründen, warum diese Mehrheit recht haben sollte. Die Zahl der Anhänger sagt nichts über die Qualität der Lehre aus; sie ersetzt keine Beweisführung, sondern dient lediglich als soziale Beruhigungspille.

Zweitens begegnen wir oft dem Argumentum ad verecundiam, der Berufung auf Autorität. In diesem Fall dient der Status einer Person als alleiniger Beleg für die Wahrheit einer Aussage. Doch auch Expert:innen sind fehlbar. Ihre Autorität muss auf der Plausibilität ihrer Daten und Argumente fußen, nicht allein auf ihrem Titel oder ihrer gesellschaftlichen Stellung.

Drittens wird häufig das Argumentum ad antiquitatem bemüht, die Berufung auf die Tradition. Dieses Argument impliziert, dass eine Praxis richtig ist, nur weil sie schon lange existiert. Moralische und gesellschaftliche Weiterentwicklung erfordert jedoch ein ständiges Hinterfragen alter Gewohnheiten. Nur so können Wissen vertieft und soziale Praktiken verbessert werden.

Diese drei Fehlschlüsse bilden oft das Fundament, auf dem die Abwehr gegen neue Gedanken aufgebaut ist. Werden sie als solche entlarvt, verliert die neotraditionalistische Position massiv an Überzeugungskraft. Es wird deutlich, dass Tradition allein kein Argument für die Richtigkeit einer Handlung oder Überzeugung sein kann.

Die Konstruktion der „Neotradition“

Ein zentrales Problem in der Debatte ist die ahistorische Annahme, die „Mehrheit der Gelehrten“ sei eine unverrückbare Konstante, die seit der Zeit des Propheten in einer ununterbrochenen Linie existiere. Dies ist eine Illusion, die einer historischen Überprüfung nicht standhält. Theologische Positionen waren stets im Fluss: Was in einer Epoche als Mindermeinung galt, avancierte in einer anderen zur Doktrin und umgekehrt. Das, was wir heute als „Islam“ oder „sunnitische Tradition“ bezeichnen, ist oft nichts anderes als eine kanonisierte Momentaufnahme des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die fälschlicherweise als zeitlos projiziert wird.

In heutigen Lehrplänen, theologischen Meinungen und sogar in der Kleidung wird krampfhaft versucht, diesen spezifischen historischen Abschnitt zu konservieren. Es handelt sich hierbei um einen „Neotraditionalismus“, der eine selektive Vergangenheit zur absoluten Norm erhebt. Er ahmt die Ästhetik der Tradition nach, verweigert sich aber oft ihrem eigentlichen intellektuellen Kern: der Dynamik und Adaptionsfähigkeit, die frühere Jahrhunderte auszeichnete. Anstatt Tradition als Werkzeug zur Problemlösung zu nutzen, wird sie zu einem Museumsobjekt starrsinniger Bewahrung.

Diese Konstruktion leidet zudem an einer massiven geographischen und kulturellen Verengung. Wenn im Diskurs ehrfurchtsvoll von „den Gelehrten“ gesprochen wird, ist fast immer implizit nur die Region von Westasien und Nordafrika gemeint. Die muslimische Gelehrsamkeit in Westafrika, die Wissensnetzwerke in Südostasien oder die historischen Traditionen in China werden systematisch ausgeblendet oder als „peripherer Islam“ irrelevant betrachtet.

Fordert man Vertreter:innen der angeblichen Mehrheitsmeinung auf, spontan auch nur fünf maßgebliche Gelehrte aus Nigeria oder Bangladesch zu nennen, herrscht oft betretenes Schweigen. Die „wahre Lehre“ wird fälschlicherweise mit der politisch lautesten Region gleichgesetzt, während die globale Vielfalt des Muslimentums ignoriert wird. Dies verzerrt das Bild dessen, was muslimisch gedacht und gelebt wird, erheblich und verwechselt oft regionale kulturelle Hegemonie mit universeller Theologie.

Struktureller Wandel und die Sorge vor Identitätsverlust

Ein häufiger Vorwurf gegenüber neuen Ansätzen lautet: „Haben sich die Muslim:innen 1400 Jahre lang geirrt?“ Dies ist ein Strohmann-Argument. Niemand behauptet, dass vergangene Generationen pauschal falsch lagen. Ihre Positionen waren Antworten auf ihre spezifische Lebenswelt, die einer Agrargesellschaft entsprach. Doch die industrielle und digitale Revolution haben das menschliche Dasein radikaler verändert als alle Jahrtausende zuvor. Ansichten, die in einer vormodernen Welt sinnvoll waren, müssen heute auf ihre Relevanz überprüft werden.

Natürlich wird gegen diesen Wandel oft theologisch eingewandt, dass der Konsens Iǧmāʿ) eine bindende Rechtsquelle sei. Es wird auf die Überlieferung verwiesen, dass sich die Gemeinschaft „nicht auf einen Irrtum einigen“ werde. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich dieser absolute Konsens oft als theoretisches Ideal, das historisch kaum greifbar war.

Ebenso reflexartig ist der Vorwurf, jede Form des Umdenkens oder neuer Ansätze sei eine Anbiederung an den „Westen“ oder ein Import der Aufklärung, der die muslimische Identität gefährde. Dabei wird ignoriert, dass Rationalität kein westliches Patent ist. Sie war tief in der muslimischen Geistesgeschichte verwurzelt. Eine Identität, die sich nur durch das Leugnen der Realität und das Konservieren veralteter Strukturen schützen lässt, ist fragil.

Das Machtinstrument der schweigenden Mehrheit

Der Verweis auf die Mehrheit dient heute oft als Machtinstrument, um Konformität zu erzwingen und abweichende Stimmen zu delegitimieren. Fragen wie „Wer bist du, dass du der Mehrheit widersprichst?“ sollen das Gegenüber einschüchtern. Doch woher stammt das Wissen über diese Mehrheit? Es fehlen empirische Daten, die belegen, was die Mehrheit der Muslim:innen weltweit tatsächlich denkt oder praktiziert.

Stattdessen wird das eigene Wunschdenken auf eine imaginäre Masse projiziert. Dies ähnelt den Methoden von Essentialisten und Rechtsradikalen, die Muslim:innen pauschal bestimmte Eigenschaften zuschreiben. Wer heute im Namen der Mehrheit spricht, beansprucht oft die Stimme derer, die vielleicht gar nicht still sind, sondern die strukturell zum Schweigen gebracht wurden.

Eine empirische Untersuchung würde vermutlich zeigen, dass die Realität der Muslim:innen weitaus „bunter“ und heterogener ist, als es die neotraditionalistische Utopie zulässt. Es gibt unzählige Arten, das Muslimentum zu leben, die in den starren Rastern der Lautsprecher keinen Platz finden. Diese Vielfalt anzuerkennen, wäre ein erster Schritt zur Ehrlichkeit.

Die Zeiten, in denen man unwidersprochen im Namen einer schweigenden Mehrheit sprechen konnte, sind vorbei. Wir müssen lernen, Ambiguität auszuhalten und Diskurs nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu verstehen. Nur so kann sich eine lebendige und zukunftsfähige Theologie entwickeln, die den Menschen im Hier und Jetzt dient.

Weiter
Weiter

Interreligiöse Ehe für muslimische Frauen