Gott trägt keine Uhr

TL;DR

Der Text zeigt, wie sich mit der modernen Uhr ein neues, ideologisch aufgeladenes Zeitverständnis durchsetzt, das Gebet und Fasten plötzlich wie minutiöse Pflichttermine behandelt. Vormoderne Quellen markieren Zeit dagegen über Naturzeichen wie Helligkeit, Sonnenstand oder Sichtbarkeit und lassen bewusst Spielräume. Diese Offenheit prägte auch die Normenlehre: Unterschiedliche Definitionen von Beginn und Ende der Gebets- und Fastenzeiten waren normal und wurden toleriert. Moderne Genauigkeit erzeugt hingegen eine falsche Selbstgewissheit, aus der Streit, Misstrauen und Angst vor „Fehlern“ entstehen.

Wenn in Koran, Überlieferungen oder vormodernen Texten von Gebetszeiten die Rede ist, dann wird dort nicht mit Stunden, Minuten oder gar Sekunden gearbeitet. Stattdessen begegnen uns Begriffe, die unmittelbar an die Natur gebunden sind: die Sonnenbewegung, die Farbe des Himmels, die Farbe des Horizonts, die Helligkeit und die Dunkelheit oder auch die Frage, ob Gesichter noch erkennbar sind.

All diese Merkmale haben etwas Gemeinsames: Sie sind flexibel. Sie markieren Zeit, aber sie tun das nicht als haargenaue Bestimmung, sondern als offener Rahmen. Genau darin liegt ein grundlegender Unterschied zur modernen Zeitlogik, die Genauigkeit nicht nur ermöglicht, sondern oft als Pflicht erscheinen lässt.

Wenn wir diese Verschiebung ernst nehmen, sehen wir auch, dass sich nicht nur ein Messverfahren verändert hat. Es verändert sich ein ganzes Verhältnis zur Zeit, und damit auch zur rituellen Praxis. Was vormodern als sinnvoller Spielraum galt, wird in der Moderne schnell als Abweichung gedeutet, die man korrigieren müsse.

Vormoderne Flexibilität

Die „alte“ Zeit gab den Menschen die Möglichkeit, ihr Zeitgefühl in die Zeit einfließen zu lassen. Sie schuf Spielräume, in denen man nicht jede Abweichung als Fehler auffassen musste. Damit war auch ein Toleranzbereich verbunden, der nicht als Schwäche galt, sondern als Bestandteil der Praxis.

Diese Akzeptanz von Differenz schlug sich in den traditionellen Büchern der Normenlehre nieder. Denn sowohl die Mehrdeutigkeit vieler Texte als auch die Flüssigkeit des vormodernen Zeitverständnisses führten dazu, dass Rechtsgelehrte unterschiedliche Definitionen dafür gaben, wann Gebetszeiten beginnen und enden, oder wie die Dauer der Fastenzeit überhaupt zu bestimmen ist.

In diesem Rahmen wurde auch darüber diskutiert, ob die Zeiten mancher Gebete ineinander übergehen können, wie es etwa in der malikitischen Auffassung vertreten wird.1 Entscheidend ist: Man war nicht davon besessen, Gebetszeiten auf die genaue Minute festzulegen. Und man hatte auch keine Angst vor einer gefürchteten Spaltung, falls nicht alle Gemeinden zur exakt gleichen, numerisch identischen Uhrzeit beten.

Karlheinz Geißler beschreibt dieses vormoderne Zeitgefühl treffend: „Kennzeichen der hier »Vormoderne« genannten Epoche ist die enge Verbindung des gesamten Lebens – insbesondere auch der Arbeit – mit den periodischen Abläufen des Kosmos und der Natur. Man war in der Vormoderne in der Zeit zu Hause.“2 Das ist mehr als Nostalgie. Es beschreibt eine andere Art, Zeit zu bewohnen, statt sie nur zu messen.

Die moderne Uhr und die moralische Aufladung der Genauigkeit

Mit der globalen Vereinheitlichung von Zeitangaben und der massenhaften Verbreitung der mechanischen, später der digitalen Uhr kam es zu einer Objektivierung und Quantisierung der Zeit. Zeit ist nicht mehr etwas Flüssiges und bis zu einem gewissen Grad Dehnbares, sondern erscheint nun als etwas Präzises, Genaues und vor allem als etwas Unfehlbares.

Dieser Gedanke der Unfehlbarkeit der Uhr erzeugt eine Illusion: als würde man zwangsläufig Fehler begehen, wenn man nicht die passende rituelle Handlung in der genau passenden Zeit verrichtet. Doch die passende Zeit ist hier nicht mehr die offene Zeit, von der Koran und Tradition sprechen, sondern die exakte Zahl, auf die der Uhrzeiger zeigt oder die das Smartphone ausgibt.

Die mechanische Uhr ist dabei nicht bloß ein Messgerät geblieben. Sie ist zu einem Medium geworden, durch das wir Welt und Zeit wahrnehmen. In der Moderne hat der Mensch durch diese Objektivierung eine Distanz gegenüber der Zeit geschaffen, die früher so nicht existierte. Der Mensch der Moderne ist, in diesem Sinn, nicht mehr in der Zeit zu Hause.

Auch Geißler beschreibt diese Spannung deutlich: „Die Zeiten des Naturwesens »Mensch« und die mechanisch hergestellte Zeit der Uhr sind seitdem nicht, oder nur noch schwer, in Übereinstimmung zu bringen. Und so gehören Zeitkonflikte und Zeitprobleme zur Moderne wie die Dunkelheit zur Nacht.“3 Genau in dieser Kluft entstehen dann neue Ängste, die sich religiös verkleiden, aber oft aus einem modernen Kontrollbedürfnis gespeist sind.

Streit um Minuten: Ein modernes Problem mit falscher Selbstgewissheit

Heute hören wir von Gemeinden, die über andere Gemeinden lästern und hetzen, nur weil sie das Nachtgebet oder Morgengebet dreißig Minuten oder eine Stunde früher oder später verrichten. Ähnliches gilt beim Fasten: Manche beginnen einen Tag früher oder später, oder sie folgen anderen Berechnungen und Kalendern.

Der Gedanke, dass nur eine Zeitberechnung gelten darf und gelten kann, ist dabei ein moderner Gedanke. Seine Wurzeln liegen eher in einem kapitalistischen Zeitmanagement, das auf Standardisierung und Kontrolle setzt, als in den Quellen, die von einem Zeitverständnis ausgingen, das einen Toleranzbereich kennt.

Das Problem ist also nicht, dass Menschen Kalender nutzen oder Apps verwenden. Das Problem entsteht, wenn aus kleinen Differenzen ein moralisches Drama gemacht wird, als stünde mit jeder Minute das Heil auf dem Spiel. Dann wird Zeit nicht mehr als Rahmen der Praxis verstanden, sondern als Richterin über richtig und falsch.

So werden Minuten zu Glaubensfragen, und aus einem pragmatischen Hilfsmittel wird ein Maßstab, mit dem man andere beurteilt. Dabei war die Tradition gerade dort, wo Naturzeichen, Mehrdeutigkeit und lokale Bedingungen mitspielten, deutlich weniger nervös, weniger kontrollfixiert und oft auch großzügiger.

Ein Plädoyer für Gelassenheit und für die Erinnerung an ältere Spielräume

Der Text ist deshalb ein Plädoyer für mehr Gelassenheit. Man kann sich an einem Kalender oder einer App orientieren, aber ohne aus Minutenunterschieden zu anderen Kalendern ein großes Thema zu machen, für das man am Ende sogar Kongresse organisiert.

Die Veränderung der Zeitwahrnehmung hat nämlich dazu geführt, dass plötzlich Probleme und Ängste konstruiert werden, die früher kaum ein Rechtsgelehrter kannte. Interessant ist dabei: Obwohl Muslim:innen seit dem 9. Jahrhundert durchaus entwickelte Formen von Uhren kannten, hatten sie nie das Bedürfnis, die Zeitrechnung unter allen Muslim:innen zu vereinheitlichen.

In den Büchern der Rechtsgelehrten spielte die Bestimmung durch Zeitmessgeräte kaum eine Rolle, und wenn, dann eher sekundär. Ja, es gab eine ganze Lehre, die sich mit Gebetszeitenbestimmung und Zeitmessung beschäftigte, aber auch innerhalb dieser Wissenschaft wurden mehrere Meinungen toleriert. Das Zeitverständnis blieb ein anderes, weil es nicht von der Idee lebte, dass es nur eine einzige, unfehlbare Zahl geben dürfe.

Durch das moderne Zeitverständnis entstehen dagegen Fragen wie: Ich habe zwei Minuten nach der Morgendämmerung gegessen. Oder: Ich habe das Abendgebet eine Minute vor der angegebenen Zeit im Kalender der Moschee meines Vertrauens gebetet. Auf solche Fragen kann man, wenn man die Logik dieses Textes ernst nimmt, nur eine Antwort geben: Gott trägt keine Uhr!

Und doch bleibt eine Spannung, die man nicht wegwischen sollte: Es ist fragwürdig, wenn man versucht, rituelle Handlungen, die von der Zeit abhängig sind, wie das Gebet und das Fasten, an ein modernes Zeitverständnis anzupassen, dabei aber die unbequeme Frage übergeht, warum diese Zeiten im 7. Jahrhundert eigentlich so gestaltet wurden, wie sie gestaltet sind. Genau diese Rückfrage wird häufig vermieden, obwohl sie entscheidend wäre, wenn man über Anpassungen spricht. Dazu aber in einem anderen Text.

Fußnoten

  1. Ibn Rušd, S. 90 ff. ↩︎
  2. Karlheinz Geißler, S. 34. ↩︎
  3. Karlheinz Geißler, S. 87 f. ↩︎

Literatur

  • Geißler, Karlheinz A. 2014. Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine: Wege in eine neue Zeitkultur. München: oekom verlag.
  • Ibn Rušd, Abū al-Walīd. 2004. Bidāyat Al-Muğtahid Wa-Nihāyat Al-Muqtaṣid. Beirut: Dār al-Kutub al-ʿIlmiyya.
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Die Illusion der Mehrheit