Menstruation und Nachfasten: Das Menschenbild der muslimischen Rechtsgelehrten

TL;DR

Der Text nimmt eine Instagram-Frage zu Menstruation, Fasten und Nachfasten zum Ausgangspunkt und zeigt, wie stark Körpererfahrungen, Pflichtgefühl und Schuld im „Muslimentum“ verknüpft sind. Er zeichnet nach, wie gottesdienstliche Rituale historisch zu „Fundamenten“ gemacht wurden, die kaum noch kritisch hinterfragt werden dürfen. Dabei werden Machtprozesse, die Rolle früher Dynastien und die Verengung koranischer Spielräume am Beispiel des Fastens sichtbar. Im Licht moderner Lebensrealitäten, psychischer Belastungen und veränderter Arbeitswelten wird die Frage neu gestellt, was „nicht können“ beim Fasten überhaupt bedeutet. Der Text plädiert für eine Theologie, die Rituale ernst nimmt, aber zugleich die Verletzlichkeit der Menschen und historische Entwicklungen mitdenkt. Am Ende steht die zentrale Frage: Wer ist dein Gott, und welches Gottesbild prägt deinen Umgang mit Fasten, Menstruation und Pflichtgefühlen?

Menstruation, Fasten und die Frage nach den Grundlagen

Ausgangspunkt ist eine konkrete Frage, die mir auf Instagram gestellt wurde: „Ich komme mit dem Nachfasten nicht gut klar. Ich habe die Tage nicht am Stück nachgeholt. Welche Positionen gibt es dazu? Und darf ich im Ramadan während der Periode fasten, um mir das Nachfasten zu sparen?“ In dieser scheinbar praktischen Formulierung steckt viel mehr als eine Detailregel. Es geht um das Verhältnis von Körper, Ritual und der Art, wie muslimische Rechtsgelehrte seit Jahrhunderten über diese Themen nachdenken.

Schon an der Frage siehst du, wie eng Körpererfahrungen mit Schuldgefühlen und Pflichtbewusstsein verbunden werden. Menstruation wird nicht nur als körperlicher Zustand erlebt, sondern auch als Störung eines Systems von Ritualen, das stark juristisch gedacht ist. Viele Betroffene tragen das Gefühl, gegenüber Gott, gegenüber Regeln oder gegenüber „der Gemeinschaft“ zu versagen.

Wenn man hier nach rechtlichen Positionen fragt, hat man hier kaum Spielraum. Nach allen großen traditionellen Rechtsschulen darf eine menstruierende Person im Ramadan nicht fasten. Menstruierende Personen sind laut diesen Positionen im Ramadan vom Fasten ausgenommen, müssen aber nachholen. Wer dennoch fastet, um dem Nachfasten zu entgehen, handelt nach diesen Positionen falsch, und das Fasten gilt nicht. Die Regel ist so klar formuliert, dass individuelle Erfahrungen, Erschöpfung oder psychische Belastung kaum vorkommen.

Daneben gibt es heutige koranistische Strömungen. Damit sind Menschen gemeint, die nur den Koran als Quelle für Normen akzeptieren und andere Quellen grundsätzlich ablehnen. Sie erlauben Gebet und Fasten während der Periode, weil sie im Koran keine ausdrücklichen Verbote dazu finden. Von ihren methodischen Ansätzen bin ich persönlich wenig überzeugt.

Mir geht es nicht darum, einfach eine traditionelle Position durch eine koranistische Perspektive zu ersetzen. Es wäre zu kurz gegriffen, nur die „richtige“ Position zu suchen und dann wieder Ruhe zu geben. Spannend wird es, wenn wir die tieferen Fragen sichtbar machen, die hinter diesen Positionen stehen: Wie entstehen überhaupt Pflichten, wie werden sie begründet und warum werden bestimmte Regeln später als „fundamental“ behandelt, obwohl sie historisch gewachsen sind.

Genau hier liegt ein wunden Punkt der muslimischen Theologie: Es gibt eine grundlegende Frage, die kaum gestellt wird, weil viele Angst haben, angebliche „Fundamente“ infrage zu stellen. Schaut man historisch genauer hin, zeigt sich jedoch, dass diese Fundamente selbst konstruiert wurden. Sie haben sich nicht in einem einzigen klaren Schritt, sondern nach und nach herausgebildet. Manche von ihnen sind viel jünger, als das fromme Selbstbild vermuten lässt.

Wie aus Praxis scheinbare Fundamente wurden

Viele Grundlagen, die heute als unantastbar gelten, haben sich erst zwischen dem 3. und 4. Jahrhundert nach der Hidschra1 wirklich etabliert, also ungefähr 300 Jahre nach dem Propheten. Davor waren sie Gegenstand heftiger Diskussionen. Manche Ideen setzten sich früh durch, kurz nach seinem Tod, andere brauchten sehr lange, bis sie als „selbstverständlich“ empfunden wurden.

Heute wirken sie so, als seien sie von Anfang an da gewesen. In vielen Predigten und Lehrbüchern entsteht der Eindruck, es habe eine klare, einheitliche Lehre gegeben, von der später einige abwichen. Historisch stimmt das nicht. Es gab von Beginn an eine Vielfalt von Positionen, und erst im Rückblick wurden bestimmte Deutungen als „die“ authentische Linie ausgegeben. Wenn wir über Menstruation, Fasten und Nachfasten sprechen, berühren wir genau diese lange Geschichte von Auseinandersetzungen und Machtfragen.

Zu den vermeintlichen „Fundamenten“ zählen die gottesdienstlichen Rituale. Damit sind Handlungen wie das Gebet, das Fasten,die Pilgerfahrt oder die rituelle Reinheit gemeint, die als direkte Form der Anbetung Gottes verstanden werden. Im Zuge der Systematisierung der Normen haben muslimische Gelehrte ab dem 3. Jahrhundert nach der Hidschra ein Dogma formuliert. Ein Dogma ist ein fester Glaubenssatz, den man nicht mehr infrage stellen darf.

Dieses Dogma lautet sinngemäß: Gottesdienstliche Rituale müssen direkt von Gott oder vom Propheten gesetzt und festgelegt sein. Was sich nicht klar auf göttliche Offenbarung oder prophetische Praxis zurückführen lässt, gilt als problematisch oder verdächtig. Jede Aussage über rituelle Handlungen soll sich deshalb auf einen Text-Hinweis oder auf eine Praxis der Frühgemeinde stützen. Man behauptet: Hier gibt es eine eindeutige Spur zurück zu Gott oder zum Propheten, und darum ist genau dieser Weg der richtige.

Aus lokal gewachsener Praxis und der Auswahl bestimmter Überlieferungen wird so ein „Fundament“ gemacht. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass diese Auswahl selbst eine menschliche Entscheidung war, getroffen in bestimmten historischen Situationen. Mit diesem Schritt wurde der Bereich der Rituale weitgehend aus kritischer Reflexion herausgenommen. Man „darf“ sie weder historisch erforschen noch weiterentwickeln oder an die Bedürfnisse der Menschen und ihre Kontexte anpassen.

Wer es doch versucht, gilt schnell als irregeleitet oder als jemand, der die „Religion“ auflöst oder gar zerstört. Das Ergebnis sind hoch ritualisierte, stark formalisierte Handlungen. Die Beziehung zwischen Mensch und Gott rückt in den Hintergrund. Hauptsache, der Ritus wird formal „richtig“ vollzogen, selbst wenn Menschen dabei an ihre körperlichen und psychischen Grenzen kommen.

Wenn man die Quellen aufmerksam liest, fällt zudem ein Unterschied zwischen der Glaubenspraxis in Mekka und der in Medina auf. Medina ist deutlich stärker normativ geprägt, das heißt, dort geht es viel häufiger um konkrete Regeln und Verbote. Schaut man genauer hin, zeigt sich: Viele Normen zu Menstruationsblut, zum Status der menstruierenden Person, zu Ausnahmen bei Ritualen und zu Ausschlüssen von bestimmten Handlungen finden sich fast eins zu eins in jüdischen Traditionen der Region wieder.

Das lässt sich seriös nicht ausblenden. Es zeigt, wie sehr die frühmuslimische Gemeinschaft mit ihrer religiösen Umwelt im Gespräch stand, wie sie übernommen, angepasst und neu kombiniert hat. Wenn wir das ernst nehmen, stellt sich die Frage, wie „fundamental“ diese Regeln tatsächlich sind. Sind sie reine Offenbarung ohne Geschichte, oder sind sie auch Ergebnis von Austausch, Rezeption und Anpassung an damalige religiöse und soziale Muster. Das macht die Regeln nicht automatisch falsch, aber es spricht dagegen, sie vorschnell als zeitlose Formen zu behandeln, die niemals verändert werden dürfen.

Rituale, Geschichte, Macht und das Beispiel Fasten

Damit kommen wir zu einer Frage, die in der muslimischen Theologie selten offen gestellt wird: Ist die frühmuslimische Praxis wirklich universell. Müssen Menschen Gott für alle Zeiten so anbeten, wie eine bestimmte Gemeinde in Medina im 7. Jahrhundert gelebt hat. Oder war diese Form eine mögliche Form neben anderen, die damals plausibel war, aber heute auch anders aussehen könnte. Diese Frage ist unbequem, weil sie das Selbstbild vieler religiöser Milieus berührt.

Die Universalisierung der prophetischen Erfahrung und der Praxis der ersten Gemeinde ist etwas, das nach dem Propheten passiert ist, nicht während seines Lebens. Erst danach wurde aus einer konkreten Gemeinschaft in Medina das Modell für alle Zeiten gemacht. Direkt nach seinem Tod gab es Stimmen mit anderen Auffassungen, die zum Teil radikal abwichen. Viele dieser Stimmen wurden sehr früh im 1. Jahrhundert zum Schweigen gebracht, teilweise mit direkter Gewalt. An sie erinnert man sich heute nur durch die verzerrte Geschichtsschreibung, die sie als „Abtrünnige“ bezeichnet.

Das erste muslimische Jahrhundert war extrem brutal, mit Bürgerkriegen und Machtkämpfen, in denen religiöse Argumente politisch eingesetzt wurden. Heute wird das selten thematisiert, zumindest in den sunnitischen Kreisen. Stattdessen dominiert in vielen Köpfen ein ahistorisches, romantisierendes und auch gefährliches Bild der „perfekten ersten Generation“. Dabei überdeckt dieses Bild, wie stark Machtfragen daran beteiligt waren, welche Praxis sich als „normale“ Praxis durchsetzte.

Schauen wir in den Koran, zeigt sich ein anderes Bild von Ritualen. Erstens wird insgesamt sehr wenig über rituelle Details gesagt. Zweitens fehlen genaue Beschreibungen der Bewegungen, Abläufe oder exakten Zeiten fast vollständig. Es gibt allgemeine Formulierungen, in denen vom Gebet und vom Fasten die Rede ist, aber die konkreten Formen werden offen gelassen. Diese Details tauchen erst später in Überlieferungen auf, die mit der Zeit immer zahlreicher wurden und sich teilweise sogar widersprechen.

Schon im ersten Jahrhundert nach der Hidschra finden sich Unterschiede in der Praxis und in den Erzählungen darüber. Fast alle Rituale, also ihre Formen und ihre Bedeutungen, waren Gegenstand von Diskussionen. Es gab nicht „am Anfang“ eine feste, richtige Lehre, von der später einige abgewichen wären. Historisch betrachtet existierte zunächst gar keine einheitliche Lehre. Sie war im Entstehen, mehrere Positionen standen nebeneinander, und oft entschied sich erst später, welche Perspektive dominant wurde.

Die Formen und Bedeutungen der Rituale, wie sie heute bekannt sind, sind stark vom umayyadischen Reich geprägt2. Die Umayyaden waren die erste große Dynastie nach den „vier“ Kalifen. In ihrer Zeit wurden Rituale und bestimmte Deutungen von Ritualen stabilisiert und als Norm gesetzt. Das hatte auch mit Herrschaftssicherung zu tun. Wer definiert, was „richtiges“ Gebet oder „korrektes“ Fasten ist, definiert auch, wer als fromm gilt und wer als Außenseiter:in. Bis heute wirkt diese Verbindung von Ritual und Macht nach.

Am Beispiel des Fastens lässt sich diese Entwicklung gut beobachten. Am Anfang steht im Koran eine Position, die laut späteren Überlieferungen „abrogiert“, also aufgehoben worden sein soll3. Trotzdem steht der ältere Vers weiterhin im Text. Sinngemäß heißt es dort, dass Menschen die Wahl zwischen Fasten oder Speisen von Bedürftigen haben. Fasten und Spenden erscheinen als zwei mögliche Wege, die Pflicht zu erfüllen.

Später erklärte die große Mehrheit der Gelehrten: Diese Regel sei aufgehoben, jetzt gelte nur noch das Fasten. Spenden sei kein gleichwertiger Ersatz mehr, höchstens eine zusätzliche gute Tat. Gleichzeitig gab es andere Stimmen, zum Beispiel Ibn ʿAbbās und sein Schüler ʿAṭāʾ. Sie sagten: Diese Koranstelle ist nicht abrogiert, sie gilt weiter, aber nur für Menschen, die nicht fasten können, etwa alte oder chronisch kranke Personen. So entstand ein Kompromiss, in dem der Vers zwar nicht verschwand, aber auf einen engen Sonderfall reduziert wurde.

Interessant ist: Im koranischen Text steht eigentlich das Gegenteil von dem, was später daraus gemacht wurde. Dort ist von Menschen die Rede, die fasten können und dennoch alternativ spenden dürfen. Spätere Korankommentare machten daraus: Gemeint seien nur „diejenigen, die nicht fasten können“. Das Wort „nicht“ steht im Text aber gar nicht. Es wird hineingelesen, damit die Stelle zu späteren Konsensen und Dogmen passt.

Spannend ist weniger die detaillierte Rechtsdiskussion, sondern die Tatsache, dass es diese Diskussion überhaupt gab und dass sie über Generationen offen war. Das zeigt, wie beweglich die Deutungen in den ersten Jahrhunderten waren. Erst viel später wirkten sie so, als seien sie von Anfang an eindeutig gewesen.

Für unsere Frage heute ist wichtig: Wenn es damals Spielräume und offene Diskussionen gab, warum sollten wir heute so tun, als sei jeder Spielraum verschwunden. Wenn der Koran selbst eine Wahlmöglichkeit andeutet und diese Wahl später durch Auslegung oder eine konkrete historische Praxis verengt wurde, dann müssen wir fragen, wie viel von dem, was wir heute als „Pflicht“ kennen, Ergebnis solcher Verengungen ist. Und wir müssen neu darüber nachdenken, wie wir mit Menschen umgehen, für die bestimmte Formen von Ritualen kaum noch tragbar sind, obwohl sie ihren Glauben ernst nehmen.

„Nicht können“ heute: Körper, Psyche und moderne Lebenswelten

Von hier aus stellt sich eine scheinbar einfache, aber grundlegende Frage: Was bedeutet „nicht können“ im Kontext von Fasten und anderen Ritualen. Ist „nicht können“ nur eine physiologische Frage, also eine Frage des Körpers. Oder gehört die psychologische Dimension genauso dazu. Die traditionelle Normenlehre kennt psychologische Faktoren kaum, weil Psychologie und Neurowissenschaften erst seit dem 20. Jahrhundert systematisch entwickelt wurden.

Die Gelehrten der Frühzeit hatten kein eigenes Fachwissen über Depression, Angststörungen, Burnout, hormonelle Dysbalancen oder andere psychische Belastungen, die das heutige Leben prägen. Sie sahen zwar Leid, Trauer und Überforderung, aber sie ordneten all das anders ein. Genau hier liegt ein Problem: Die alten Normsysteme spiegeln diese Realitäten nicht wider. Wenn wir sie einfach eins zu eins auf heutige Lebenswelten anwenden, lassen wir viele Menschen mit ihren Erfahrungen allein.

Rituale sind im Laufe der Geschichte häufig zu einem Selbstzweck geworden. Sie wurden zum Kern des Glaubens erklärt. Wer „richtig“ betet und „korrekt“ fastet, gilt als gute:r Muslim:in. Wer das nicht schafft, gilt schnell als defizitär. In der Hauptschrift des „Muslimentums“, also im Koran4, dominiert jedoch etwas anderes. In einem großen Teil der Suren geht es um Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Verantwortung, Schutz der Schwachen und moralische Integrität.

Diese Elemente wurden in vielen Diskursen verdrängt, während Positionen entstanden wie: „Wer nicht betet, ist kein Muslim.“ Niemand formulierte dagegen mit derselben Schärfe: „Wer nicht barmherzig ist, ist kein Muslim.“ Diese Verschiebung lässt sich besonders deutlich in der umayyadischen Zeit nachzeichnen. Bestimmte Rituale und Ritualdebatten wurden hochstilisiert, als wären sie das Zentrum der prophetischen Botschaft. So konnte man von Fragen nach Gerechtigkeit, Macht und Verantwortung ablenken.

Wenn Gläubige auf ihre Gebete und Fastentage reduziert werden, fragt man weniger nach Ausbeutung, Gewalt und struktureller Ungerechtigkeit. In diesem Licht wirkt die klassische Antwort auf die Menstruationsfrage noch einmal anders. Die Frage „Darf ich im Ramadan während der Periode fasten, um mir das Nachfasten zu sparen?“ berührt nicht nur eine technische Regel. Sie berührt die Frage, ob wir Belastungen, Schamgefühle und Lebenssituationen der Betroffenen überhaupt sehen.

Oder setzen wir Rituale so absolut, dass Menschen sich ihnen anpassen müssen, egal wie es ihnen körperlich und seelisch geht. Die entscheidende Frage lautet dann: Was ist mit denen, die es nicht können. Was ist mit Menschen, bei denen diese Formen das spirituelle Leben nicht mehr nähren oder es sogar belasten. Oder mit Menschen, deren körperliche und psychische Situation so fragil ist, dass ein striktes Festhalten an alten Regelwerken eher Schaden anrichtet.

Die übliche Reaktion vieler Gelehrter und neotraditionalistischer Milieus lautet: Die Menschen seien das Problem, sie seien faul, glaubensschwach und hätten zu wenig Gottesfurcht. Das greift zu kurz. Menschen sind unterschiedlich. Sie tragen verschiedene Sorgen und Traumata, leben in sehr unterschiedlichen Kontexten und stehen unter sehr verschiedenen Zwängen. Das „Muslimentum“ der Frühzeit kannte keine globalisierte Welt, keine ständige Erreichbarkeit und keine Prekarisierung in der heutigen Form.

Die Moderne hat das Leben radikal verändert. Allein die Art, wie heute geschlafen wird, seit es künstliches Licht gibt, ist mit dem 7. Jahrhundert kaum vergleichbar. Arbeitszeiten, Schichtdienste, der Umgang mit Bildschirmlicht, die Geschwindigkeit des Alltags, das alles verändert Körper und Psyche. Wenn wir so tun, als könnten wir Normen aus einer völlig anderen Zeit einfach übernehmen, ohne diese Veränderungen mitzudenken, handeln wir fahrlässig. Dann wird Glaubenspraxis leicht zu einer zusätzlichen Last und nicht zu einer Ressource.

Darum stellt sich eine andere Leitfrage: Was geben wir Menschen mit. Sind die Vorstellungen von Ritual und Pflicht noch verantwortungsvoll gegenüber den realen Lebenswelten. Oder wird vor allem ein System um seiner selbst willen verteidigt. Die Instagram-Frage nach Menstruation und Nachfasten ist ein konkreter Anlass, über diese größere Frage nachzudenken. Sie lädt uns ein, das Verhältnis von Text, Geschichte, Körper und Macht neu zu sortieren und zu fragen, wie eine Theologie aussehen könnte, die die Verletzlichkeit der Menschen ernst nimmt, ohne die spirituelle Tiefe des „Muslimseins“ zu verlieren.

Wer ist dein Gott, und was bedeutet das für dich?

Statt fertiger Antworten braucht es aus meiner Sicht andere Fragen. Jede und jeder sollte sich ehrlich fragen: Wer ist mein Gott. Wen bete ich an. Wem „diene“ ich wirklich. Diese Fragen klingen vielleicht abstrakt, aber sie entscheiden darüber, wie du deine Angst, deine Schuldgefühle und deine Sehnsucht einordnest.

Wenn du dir vorstellst, wer dir am Ende begegnet, wenn alles vorbei ist, wie sieht dieser Gott aus, wie spricht er mit dir, wie schaut er dich an. Ist dieser Gott jemand, der dich bestrafen wird, weil du es nicht geschafft hast, bestimmte Rituale zu praktizieren, Rituale, die in anderen Zeiten körperlich und sozial viel leichter umzusetzen waren als heute. Oder ist „dein“ Gott anders. Kannst du dir einen Gott vorstellen, der deine Grenzen kennt, deine Müdigkeit, deine psychische Lage und deine Lebenssituation sieht und der weiß, wie sehr du dich bemühst, selbst wenn das Ergebnis nach außen „nicht perfekt“ aussieht.

Dazu gehört für mich eine Erinnerung: Dass man gottesdienstliche Rituale zu juristischen Pflichten gemacht hat, für deren Unterlassung man bestraft wird, steht so zum Beispiel nicht im Koran. Der Koran spricht von Verantwortung, von Wegen, von einer Einladung und von Konsequenzen, aber er stellt Rituale nicht als starres Strafgesetzbuch dar. Mir geht es um eine authentische Beziehung zu deinem Gott, um eine gesunde Beziehung zu deinem Gott. Es geht nicht um ein einfaches Entweder-oder nach dem Motto: Entweder du erfüllst jede Form exakt, oder du bist verloren.

Die unausgesprochene Vorstellung lautet oft: Wenn ich die Dinge nicht so praktiziere, wie Menschen im 7. und 8. Jahrhundert sie festgelegt und konstruiert haben, dann ist Gott sauer auf mich. Diese Menschen wurden später idealisiert, als wären sie fehlerlose Vorbilder. Historisch betrachtet waren sie aber genauso ambivalent wie wir, mit eigenen Interessen, blinden Flecken und Grenzen. Wenn ich Gott nicht so „diene“, wie diese Menschen es vorgeschrieben haben, wird der „liebe Gott“ mich ablehnen. Genau diese Vorstellung ist für mich der Knackpunkt, den es zu dekonstruieren gilt.

Schau tief in dich hinein und schau in die Unendlichkeit der Welt. Stell dir dann ehrlich die Frage: Wer ist überhaupt mein Gott. Wenn du wirklich glaubst, dass Gott dich für solche Dinge möglicherweise ewig in der Hölle im „Grillzustand“ halten wird, dann ist es konsequent, streng auf das zu hören, was alte Rechtsgelehrte gesagt haben, und alles so exakt wie möglich umzusetzen. Du folgst dann einem Bild von Gott, das vor allem von Angst und Strafe geprägt ist.

Wenn du aber nicht glaubst, dass dein Gott so ist, wenn du glaubst, dass Rituale Möglichkeiten sind, Gott näher zu kommen, und ein positiver Bestandteil deines Alltags und deiner Spiritualität sein können, dann verändert sich dein Handeln. Dann wirst du so handeln, wie es für dich stimmig und aufrichtig ist, und nicht nur so, wie andere es für dich „richtig“ finden. Du wirst Wert darauf legen, vor Gott ehrlich zu sein, deine Grenzen anzuerkennen und deine Sehnsucht ernst zu nehmen.

In dieser Haltung ist deine Praxis keine Flucht vor der Tradition, sondern eine reife Form, mit ihr in Beziehung zu treten. Deine Antwort auf die Frage „Wer ist mein Gott?“ entscheidet mit darüber, wie du mit Fasten, Gebet, Menstruation, Nachfasten und vielen anderen Themen umgehst und ob deine Religiosität dich eher klein und ängstlich macht oder ob sie dich stärkt und dir hilft, aufrecht und ehrlich vor Gott und vor dir selbst zu stehen.

Fußnoten

  1. Mit Hidschra ist die Auswanderung des Propheten von Mekka nach Medina im Jahr 622 gemeint, die den Beginn der muslimischen Zeitrechnung markiert. ↩︎
  2. Das umayyadische Reich war die erste große muslimische Dynastie (661–750) mit Zentrum in Damaskus, die die frühe Rechts- und Ritualpraxis stark geprägt hat. ↩︎
  3. Mit Abrogation, arabisch naskh, ist die Vorstellung gemeint, dass ein späterer Offenbarungsvers eine frühere Regel ganz oder teilweise aufhebt. ↩︎
  4. Der Koran gilt in vielen Traditionen als wichtigste Schriftquelle des „Muslimentums“, neben weiteren Textkorpora wie den Hadith-Sammlungen. ↩︎
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Das Alte Testament in muslimischen Quellen